Finanzierung, Beschaffung, Geschwindigkeit
Die Sicherheitslage in Europa hat sich grundlegend verändert. Lieferketten sind anfälliger geworden, der Investitionsdruck auf Bundeswehr, Behörden und Industrie ist massiv gestiegen. Wer heute über Verteidigungsfähigkeit redet, redet auch über Beschaffung, Finanzierung und Geschwindigkeit. Leasing kann hierzu einen bisher unterschätzten Beitrag leisten.
Auf einen Blick
- 381 Milliarden Euro betrugen die EU-Verteidigungsausgaben 2025. Der Investitionsdruck auf Zulieferindustrie, Behörden und Unternehmen ist enorm. (Jahresbericht der Europäischen Verteidigungsagentur)
- 83 Milliarden Euro hat die deutsche Leasing-Branche an Investitionen im Jahr 2025 finanziert. Diese Beschaffungs- und Objektkompetenz lässt sich in den Sicherheitskontext übertragen.
- 30 Prozent der deutschen Industrie sieht heute Bezüge zur Verteidigungswirtschaft. Maschinenbau, Fahrzeugbau, Elektrotechnik: Das ist Kerngeschäft der Leasing-Wirtschaft. (DIHK-Konjunkturumfrage)
- Drei konkrete Anwendungsfelder: Resilienzinvestitionen für Unternehmen, Finanzierung der Rüstungszulieferer, Ausstattung von Behörden mit Sicherheitsaufgaben.
Zeitenwende trifft auf Finanzierungsrealität
Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 ist die Landes- und Bündnisverteidigung wieder in den Mittelpunkt der deutschen Sicherheitspolitik gerückt. Deutschland und seine europäischen Partner stehen vor der Aufgabe, Kapazitäten schnell aufzubauen, Ausrüstung zu modernisieren und Zulieferketten zu stärken. Öffentliche Haushalte sind begrenzt, Genehmigungsprozesse langwierig und klassische Beschaffungsstrukturen kaum auf Tempo ausgelegt.
Die Leasing-Branche verfügt über belastbare Beschaffungsstrukturen, Objekt-Know-how und etablierte Herstellerbeziehungen. Diese Kompetenz lässt sich auf den Sicherheits- und Verteidigungskontext übertragen.
Nicht Waffen, sondern Kapazitäten: Wo Leasing ansetzt
Es geht dabei nicht um die Finanzierung von Waffensystemen. Leasing kann die Investitionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette realisieren. Produktionsmaschinen, IT-Infrastruktur, Logistikfahrzeuge, Werkstattausstattung, Drohnenabwehrsysteme, mobile Sanitätseinheiten, all diese Assets benötigen Rüstungszulieferer, Behörden mit Sicherheitsaufgaben und Unternehmen der Verteidigungsindustrie, um leistungsfähig zu bleiben.
Rund 30 Prozent der deutschen Industrie sieht nach der DIHK-Konjunkturumfrage vom Jahresbeginn 2026 Bezüge zur Verteidigungswirtschaft. Gut ein Fünftel der deutschen Industriebetriebe ist danach bereits direkt in der Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft aktiv, als Hersteller oder Zulieferer. Weitere rund zwölf Prozent sehen den Markt als künftiges Geschäftsfeld. 24 Prozent der Unternehmen der Investitionsgüterindustrie sind direkt involviert, Schwerpunkte liegen im Maschinen- und Fahrzeugbau sowie in der Elektrotechnik. Diese Branchen zählen zum Kerngeschäft der Leasing-Wirtschaft.
Drei konkrete Anwendungsfelder
Resilienzinvestitionen für Unternehmen
Viele Betriebe haben keine Reservekapazitäten. Ausfallgeneratoren, redundante IT-Systeme, Ersatzmaschinen für kritische Produktionsprozesse: Das sind Investitionen ohne unmittelbaren Return on Investment, die im normalen Budgetprozess häufig zurückgestellt werden. Leasing ermöglicht genau diese Art von Vorratsinvestitionen, durch planbare Raten statt hoher Anfangsauszahlungen, durch integrierte Wartungsleistungen und durch den strukturierten Austausch am Laufzeitende. Nach der Leasing-Laufzeit stehen Rückläufer weiter am Markt zur Verfügung, oft als Dual-Use-Güter in zivilen Anwendungen.
Finanzierung der Rüstungszulieferindustrie
Große Rüstungskonzerne unterhalten Geschäftsbeziehungen zu bis zu 10.000 mittelständischen Zulieferern. Wenn staatliche Aufträge erteilt werden, müssen diese Betriebe ihre Kapazitäten oft sofort hochfahren. Der Cashflow aus den Aufträgen kommt zeitverzögert. Hier kann eine leasingbasierte Finanzierungslösung den Kapazitätsaufbau erleichtern.
Ausstattung von Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben
Polizei, Feuerwehr, THW und Rettungsdienste stehen vor erheblichem Investitionsbedarf. Leasing streckt diese Kosten auf planbare Raten, ermöglicht schnellere Beschaffung über etablierte Herstellerkooperationen und stellt sicher, dass die Ausrüstung technisch aktuell bleibt.
Dual Use
Leasing-Gesellschaften denken die Drittverwendbarkeit von Assets von Beginn an mit. Maschinen und Geräte, die im Verteidigungskontext eingesetzt werden können, lassen sich in Friedenszeiten wirtschaftlich nutzen. Ein Helikopter fliegt zur Brandbekämpfung und wird im Krisenfall verlegt. Eine Maschine produziert Rüstungskomponenten, arbeitet aber auch zivile Aufträge ab. Dual Use reduziert Vorhaltekosten erheblich. Wer im Krisenfall Kapazitäten benötigt, muss sie nicht dauerhaft im Leerlauf bereithalten.
Technologiewandel als strukturelles Argument
Drohnentechnologie, KI-gestützte Steuerungssysteme, satellitengestützte Kommunikation: Die Geschwindigkeit des technologischen Wandels im Sicherheitsbereich ist historisch beispiellos. Klassische Beschaffungslogik, die auf jahrzehntelange Nutzung ausgelegt ist, stößt hier an ihre Grenzen. Leasing-Modelle hingegen sind auf regelmäßigen Austausch ausgelegt. Das passt strukturell besser zu Technologien, die sich im Zwei- bis Dreijahreszyklus weiterentwickeln.
Einschätzung aus Expertensicht
Prof. Dr. Rafaela Kraus ist Professorin für Unternehmens- und Personalmanagement an der Universität der Bundeswehr München. Sie zählt zu den führenden Experten in Europa für Entrepreneurship und Technologietransfer im Verteidigungs- und Sicherheitsbereich.
Verteidigung ist kein Feld für Finanzierungsmoden, sondern für belastbare Lösungen: Leasing kann genau dort helfen, wo schnelle Verfügbarkeit, planbare Nutzung und technologische Aktualität wichtiger sind als Eigentum um jeden Preis. Für die Zulieferindustrie kann Leasing nicht nur eigene Investitionen erleichtern, sondern auch den Vertrieb unterstützen: Kunden müssen investitionsintensive Produkte nicht zwingend sofort kaufen, sondern können sie über planbare Nutzungsmodelle einsetzen. Umgekehrt eröffnet die Zeitenwende der Leasing-Wirtschaft einen langfristigen Markt. Vorausgesetzt, Objektkenntnis, Compliance und Risikomanagement werden genauso ernst genommen wie die Finanzierung selbst.
„Leasing ist Geschwindigkeit. Und Geschwindigkeit ist in der Verteidigung entscheidend.“
Dr. Claudia Conen, Hauptgeschäftsführerin des BDL, über Leasing als Finanzierungsinstrument für die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, Resilienzinvestitionen für Unternehmen und die Rolle der öffentlichen Beschaffung.
Frau Dr. Conen, wenn jemand „Leasing und Verteidigung" hört, denkt er vermutlich zuerst an Panzer. Was ist der tatsächliche Ansatzpunkt?
Es geht um die Infrastruktur dahinter. Produktionsmaschinen bei Rüstungszulieferern, IT-Systeme, Logistikfahrzeuge, Ausrüstung für Feuerwehr, THW, Rettungsdienste. Assets, die dringend gebraucht werden, hohe Anfangsinvestitionen erfordern und bei denen Leasing seine Stärken ausspielen kann: schnelle Beschaffung, planbare Kosten, integrierte Serviceleistungen.
Lieferkettenstörungen, Strom- und Produktionsausfälle kommen immer wieder vor: Was bedeutet das konkret für einen mittelständischen Zulieferer?
Nehmen Sie einen Produktionsbetrieb, der auf eine einzige kritische Maschine angewiesen ist. Fällt die aus, steht die Fertigung. Reservekapazitäten sind in diesem Szenario das Naheliegendste, landen im Budgetprozess aber regelmäßig hinten. Diese Investitionen haben keinen unmittelbaren Return. Sie sind Vorsorge. Das macht sie mit klassischer Finanzierung schwer durchsetzbar. Leasing verändert diese Kalkulation mit planbaren Monatsraten statt hoher Einmalzahlung, die Wartung ist inklusive und am Laufzeitende kann ein technisch aktuelles Nachfolgegerät eingesetzt werden. Das Unternehmen hält seine Betriebsfähigkeit aufrecht, ohne Kapital zu binden.
Die Zulieferkette gilt als Schwachstelle der europäischen Verteidigungsindustrie. Wie kann Leasing dort eingreifen?
Das ist einer der interessantesten Ansatzpunkte. Große Rüstungskonzerne arbeiten mit bis zu 10.000 mittelständischen Zulieferern zusammen. Wenn staatliche Aufträge erteilt werden, müssen diese Betriebe ihre Kapazitäten oft innerhalb von Wochen hochfahren. Das Problem: Der Cashflow aus dem Auftrag kommt erst Monate später. Wir sehen hier ein Modell, das wir Reverse-Vendor-Leasing nennen: Der Systemhersteller stellt seinen Zulieferern bereits bei Auftragsankündigung eine leasingbasierte Finanzierungslösung zur Verfügung. Die Leasing-Gesellschaft beschafft die Maschinen, der Zulieferer zahlt planbare Raten, der Konzern hat die Sicherheit, dass seine Lieferkette steht. Leasing ist Geschwindigkeit. Und Geschwindigkeit ist ein entscheidender Faktor.
Der Staat kauft seit Jahrzehnten. Warum sollte er jetzt leasen?
Weil die Anforderungen sich geändert haben. Der Investitionsbedarf ist erheblich und stößt auf begrenzte Haushalte und langwierige Prozesse. Leasing verschafft Handlungsspielraum: Kosten werden gestreckt, die Beschaffung geht schneller, und die Ausrüstung bleibt technisch aktuell. Drohnentechnologie oder KI-gestützte Systeme veralten in Jahren, nicht Jahrzehnten. Wer heute kauft, was in drei Jahren überholt ist, hat ein strukturelles Problem. Wer least, kann am Laufzeitende wechseln.
Passen die Rahmenbedingungen dafür überhaupt?
Noch nicht vollständig. Öffentliche Beschaffungsprozesse sind auf Kauf ausgerichtet. Leasing als Option taucht in Leistungsbeschreibungen kaum auf. Dabei lässt das Vergaberecht diesen Spielraum ausdrücklich zu. Er wird nur zu selten genutzt. Entscheidend ist, was Auftraggeber in ihre Ausschreibungen schreiben. Wenn Leasing dort als Option steht, können wir liefern. Und für mittelständische Zulieferer wäre es zusätzlich hilfreich, wenn die KfW als Sicherheitengeber agieren könnte. Die Strukturen sind vorhanden. Was noch fehlt, ist der politische Wille, sie zu nutzen.