„Ohne Leasing könnten viele Mittelständler gar nicht investieren“
Frau Connemann, der Mittelstand hat in den vergangenen Jahren einiges mitgemacht: Coronakrise, Energiepreisschock, Zinswende, geopolitische Verwerfungen. Wie stabil ist der Mittelstand heute?
Der deutsche Mittelstand hat immer wieder gezeigt, wie widerstandsfähig er ist: Corona. Hohe Energiepreise. Steigende Zinsen. Unsichere Weltlage. Gerade in extrem schwierigen Lagen findet er Antworten. Das Problem ist aktuell aber nicht die einzelne Krise. Es ist die Summe. Betriebe haben ihr Eigenkapital angegriffen. Investitionen werden verschoben. Mitarbeiter fehlen weiter. Und dennoch steht der Mittelstand immer noch. Unsere Betriebe sind stark. Aber sie brauchen jetzt Rückenwind.
Wir haben erste Schritte gemacht. Das ist gut. Aber das reicht noch nicht. Jetzt muss die nächste Stufe gezündet werden. Die internationalen Entwicklungen können wir nur begrenzt beeinflussen, aber national müssen wir die Wettbewerbsfähigkeit steigern. Und das geht nur durch Entlastung, Entlastung, Entlastung.
Was sind die zentralen Schwerpunkte der Mittelstandspolitik der Bundesregierung?
Der Mittelstand ist das Kraftwerk unserer Wirtschaft. Über 99 Prozent aller Unternehmen gehören dazu. Sie schaffen Arbeit. Sorgen für Ideen. Halten unser Land am Laufen. Wir setzen auf fünf Punkte: Digitalisierung, Innovation, Fachkräfte, Investitionen und Entlastung. Unsere Betriebe brauchen Freiraum. Zu viele Regeln. Zu viele Formulare. Zu viel Misstrauen. Das bremst. Das muss sich ändern. Wir brauchen schnellere Verfahren und weniger Bürokratie. Spürbar. Nicht irgendwann, sondern jetzt.
Gleichzeitig wollen wir Investitionen leichter machen. In neue Technik. In Klimaschutz. Dafür brauchen die Betriebe vor allem eines: Verlässlichkeit. Klare Regeln. Planungssicherheit. Wir haben den Anfang gemacht: Mit dem Investitionsbooster haben wir ein großes Abschreibungspaket auf den Weg gebracht. Davon profitieren Unternehmen unmittelbar. Die Aktivrente wirkt. Und mit dem Energiepreispaket sorgen wir dafür, dass Energie bezahlbar bleibt. Aber ich sage auch: Das reicht noch nicht. Jetzt muss die zweite Stufe gezündet werden.
Die Bundesregierung hat mit den beiden Sondervermögen milliardenschwere Investitionsprogramme in Infrastruktur und Verteidigung beschlossen. Profitiert davon auch der Mittelstand?
Ja. Er muss, er soll, er wird – unmittelbar unsere mittelständische Bauwirtschaft und das Bauhandwerk. Aber das passiert nicht von allein. Denn sie konkurrieren mit großen Anbietern. Deshalb war es unserer Ministerin Katherina Reiche und mir wichtig, bei der Novelle des Vergaberechts für Fairness zu sorgen. Vergabebeschleunigung und Mittelstandsfreundlichkeit sind kein Gegensatz. Dafür brauchen wir den Losgrundsatz. Das Vergaberecht muss auch dem Mittelstand dienen. Nicht an ihm vorbeigehen. Dafür haben wir uns eingesetzt – mit Erfolg. Der Losgrundsatz steht. Übrigens: Mittelbar profitieren alle Betriebe von besserer Infrastruktur.
Hinzu kommt der Hochlauf in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (SVI), die mittelständisch geprägt ist. Das Bundeswirtschaftsministerium setzt sich daher dafür ein, zivile KMU stärker mit der SVI zu vernetzen, zum Beispiel durch die von uns geförderte Online-Vernetzungsplattform SVI-Connect – hier wird ein Erstkontakt in die SVI hergestellt. Der Blick lohnt.
Leasing ist ein echter Investitionstreiber im Mittelstand. Es schont die Bilanz und erhält die Liquidität im Betrieb. Es gibt Spielraum – gerade kleinen und mittleren Betrieben.
Sie sind regelmäßig im Austausch mit mittelständischen Unternehmern, zuletzt im Rahmen Ihrer Mittelstandsreisen. Wo drückt den Unternehmen der Schuh am stärksten?
Fachkräftemangel, volatile Energiepreise, lähmende Bürokratie, zu hohe Steuern und Abgaben: Diese Probleme werden mir immer wieder genannt. Sie kosten Substanz und Kraft. Hinzu kommt das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Und wachsende Ungeduld. Deshalb sind die direkten Gespräche vor Ort so wichtig. Der Mittelstand ist kein abstrakter Begriff. Er hat viele Gesichter und Geschichten. Die mittelständischen Unternehmen sichern Arbeitsplätze. Sie treiben Innovationen voran. Wenn wir sie überfordern, wandern Investitionen ab. Das dürfen wir nicht zulassen. Deshalb ist klar: Wir müssen entlasten. Leistung muss sich wieder lohnen – für die Betriebe und ihre Beschäftigten.
Wo sehen Sie aktuell die größten strukturellen Herausforderungen?
Der Fachkräftemangel ist eine der größten Baustellen. Viele Betriebe suchen händeringend – und finden niemanden. Das bremst Wachstum. Gleichzeitig wächst der Druck durch Regeln und Vorgaben. Das kostet Zeit, Kraft und Geld. Ressourcen, die eigentlich in neue Ideen fließen sollten. Und wir sind mitten im Wandel. Digitalisierung und Klimaschutz sind richtig und wichtig. Aber sie verlangen viel – vor allem Investitionen. Das schafft nicht jeder aus eigener Kraft. Hinzu kommt ein Thema, das noch zu oft unterschätzt wird: die operative Widerstandskraft der Unternehmen. Cyberangriffe, unsichere Lieferketten, Extremwetter sind längst Realität. Wer heute nicht vorsorgt, zahlt morgen drauf. Schutzmaßnahmen sind und dürfen dabei keine Frage der Größe sein. Kleinere Betriebe sind genauso verletzlich wie große. Das muss sich auch in der Förderpolitik widerspiegeln.
Welche Rolle spielt die Finanzierung dabei?
Eine ganz entscheidende. Die Finanzierung muss passen. Zum Betrieb. Zur Lage. Zu den Plänen. Nur so bleibt unser Mittelstand handlungsfähig. Ohne Finanzierung gibt es keine Investitionen. Ohne Investitionen kein Wachstum, keine Transformation, keine Resilienz. Viele Mittelständler stemmen vieles aus eigener Kraft. Aus dem laufenden Geschäft. Das verdient Respekt. Hinzu kommen Bankkredite als wichtigste Finanzierungsquelle für unsere KMU. Aber es reicht heute oft nicht mehr. Deshalb brauchen sie einen breiten Finanzierungsmix: Starke Hausbanken. Verlässliche Förderinstrumente. Und auch alternative flexible Lösungen wie Leasing. Dafür stellen wir als Wirtschaftsministerium ein ausdifferenziertes Angebot zur Verfügung – von Förderkrediten bis hin zur Förderung von Betriebsmitteln. Über die ERP-Förderkredite sind übrigens auch Leasing-Raten finanzierbar.
Leasing wird oft als ergänzende Finanzierung gesehen. Wie groß ist seine Bedeutung für den Mittelstand?
Leasing ist ein echter Investitionstreiber im Mittelstand. Es ist flexibel und vielseitig. Es schont die Bilanz. Und es erhält die Liquidität im Betrieb. Ohne Leasing könnten viele Mittelständler gar nicht investieren. Oder sie müssten sich deutlich stärker verschulden. Leasing gibt Spielraum. Gerade kleinen und mittleren Betrieben. Deshalb ist Leasing eine zentrale Finanzierungssäule für den Mittelstand. Und noch etwas ist wichtig: Moderne Maschinen und energieeffiziente Technik werden so schneller nutzbar. Ohne hohe Einstiegskosten. Das stärkt die Betriebe. Und es bringt den notwendigen Wandel in der Praxis voran.
Deshalb fördern wir als Wirtschaftsministerium auch über die KfW Leasing-Finanzierungen mit Globaldarlehen für Leasing-Investitionen – ausgereicht durch Banken oder Leasing-Gesellschaften. Davon haben im vergangenen Jahr 2.100 Betriebe profitiert.
Was raten Sie Unternehmen, die nachhaltiger werden wollen, aber die Mittel dafür nicht haben?
Viele Unternehmer sagen mir: Ich will ja nachhaltiger werden – aber ich kann nicht. Neue Anlagen, ein CO₂-ärmerer Fuhrpark, effizientere Produktion: Das sind wichtige Schritte. Aber sie kosten Geld. Und genau das fehlt im Alltag oft. Gleichzeitig wartet der Markt nicht. Lieferketten verlangen Nachweise. Banken achten auf ESG-Bewertungen. Und aus Brüssel kommen Fristen. Der Druck ist hoch. Und er trifft gerade die, die ohnehin schon am Limit arbeiten.
Genau hier kann Leasing helfen. Es ist eine Brücke. Wer keine Photovoltaikanlage oder einen E-Lkw kaufen kann, kann sie vielleicht leasen. Darum muss Förderung fair sein. Dazu gehört für mich persönlich nicht nur Technologieoffenheit. Förderprogramme sollten auch finanzierungsneutral sein. Es darf keinen Unterschied machen, ob ein Unternehmen eine Maschine erwirbt oder nutzt. Entscheidend ist die Investition selbst. Und dass der Mittelstand sie überhaupt tätigen kann.
Apropos Nachhaltigkeit: Der Bund unterstützt Betriebe bürokratiearm bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung – und zwar kostenfrei mit dem digitalen Deutschen Nachhaltigkeitskodex. Probieren Sie es gerne mal aus.
Was braucht der Mittelstand von der Politik, und was kann er selbst leisten?
Der Mittelstand schultert bereits eine Menge. Unternehmen und Selbstständige übernehmen Verantwortung – jeden Tag. Für die Beschäftigten, in ihrer Heimat, für unser Land. Auch in schwierigen Zeiten zeigen unsere kleinen und mittleren Betriebe: Auf uns ist Verlass. Deshalb verdient der Mittelstand unseren Respekt und Rückendeckung.
Was er von der Politik braucht, ist klar: Ein Staat, der nicht bremst, sondern ermöglicht. Weniger Hürden. Mehr Vertrauen. Und Entscheidungen, die schneller wirken. Und der Mittelstand selbst? Er muss offen bleiben für neue Technologien. Er muss den Mut haben, Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln. Beides gehört zusammen. Politik und Wirtschaft dürfen nicht nebeneinander her arbeiten. Sie dürfen nicht übereinander, sondern müssen miteinander sprechen. Und gemeinsam Lösungen finden.
Abschließende Frage: Was gibt Ihnen Zuversicht?
Der Mittelstand selbst. Jeden Tag. Ich sehe Unternehmen, die unter großem Druck neue Wege gehen, neue Märkte erschließen, ausbilden – auch wenn es schwerer geworden ist. Das ist stark. Das ist Substanz. Diese Leistung verdient bessere Rahmenbedingungen. Wir haben in dieser Legislatur schon einiges angestoßen. Wir sind auf dem richtigen Weg. Aber ich sage auch klar: Es reicht noch nicht. Daran arbeiten wir weiter – mit voller Kraft für den Mittelstand.
Zur Person

Foto: BMWE/Tom Peschel
Gitta Connemann ist Mittelstandsbeauftragte der Bundesregierung und Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT). Die CDU-Bundestagsabgeordnete aus Niedersachsen war von Mai 2025 bis Juli 2026 Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, bevor sie in dieser Funktion ins Bundesministerium für Digitalisierung und Staatsmodernisierung wechselte.
Das Interview mit der Mittelstandsbeauftragten wurde vor ihrem Ministeriumswechsel im Mai 2026 geführt.
Gastbeitrag: ZDH-Präsident Jörg Dittrich
Wie sieht das Handwerk die aktuelle Politik? ZDH-Präsident Jörg Dittrich beschreibt im Gastbeitrag, was Betriebe für verlässliche Investitionsbedingungen brauchen.